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  • Meinem Vaterland, der Republik Polen treu sein

     

  • AKTUELLES

  • 12 Fabruar 2018

    Welche große Bedeutung die polnische Unterstützung bei der Übermittlung der Depeschen hatte, verstand ich erst dank des Vertreters der örtlichen jüdischen Gemeinschaft, eines religiösen und sehr klugen Menschen. Er sagte mir, dass unsere Botschaft ein „heiliger Ort” sei, denn hier wurden „so viele Menschen gerettet”. Dieser Mann, dem das Gehen schwer fiel, wollte unbedingt die Treppe in die oberste Etage hochgehen, nur um sich den kleinen Serverraum anzuschauen, in dem sich in der Zeit des Krieges unsere Funkstation befand. Zum Schluss sagte er mir: „Sie sagen, dass Ładoś hunderte Menschen gerettet habe, doch ich sehe schon, dass er Tausende gerettet hat” – sagte Dr. Jakub Kumoch, Botschafter der Republik Polen in der Schweiz in einem Gespräch mit dem Portal PolskieRadio.pl.

    Petar Petrović: In letzter Zeit veröffentlichte die polnische Botschaft in der Schweiz in den Social Media zahlreiche Dokumente, die davon zeugen, wie groß das Engagement der Vertreter des polnischen Staates bei der Rettung von Juden war. Einer der überraschendsten Fälle ist sicherlich der Freikauf von Juden von den Nazis gegen Lösegeld. Es stellte sich heraus, dass jüdische Kreise in den USA und Großbritannien ohne die Ausnutzung polnischer kryptographischer diplomatischer Codes die Depeschen über die Möglichkeit eines Freikaufs nicht rechtzeitig erhalten hätten, wodurch es nicht mehr möglich gewesen wäre, die Geldsummen für das Lösegeld in kurzer Zeit zusammenzubringen. Herr Botschafter, wie ist es dazu gekommen?
     
    Jakub Kumoch: In den ersten Kriegsjahren entschied sich Gesandter (Botschafter) Aleksander Ładoś, der jüdischen Familie Sternbuch, hochrangiger Vertreter der Organisation Vaad Hatzalah in der Schweiz, die Möglichkeit zu gewähren, im Verschlüsselungsverfahren Nachrichten zu übermitteln. Was bedeutete das? Dass die durch ihr Netzwerk erlangten und aus den Ghettos herausgeschmuggelten Informationen an die Gesandtschaft (die Botschaft) der polnischen Exilregierung übergeben werden konnten und als geheime Depeschen nach Amerika mit der Bitte ihrer Entschlüsselung und Weiterleitung an die Empfänger – jüdische Organisationen – übermittelt wurden. Wir besitzen Kopien eines Teils dieser Depeschen, doch es ist auch nicht schwer, noch andere zu finden. Sie sind in verschiedenen Archiven verfügbar.
     
    Was beinhalteten diese Depeschen?
     
    In den ersten Kriegsjahren waren das Beschreibungen darüber, was sich im besetzten Polen abspielt. Später waren das Informationen über breit angelegte diplomatische Aktionen – Hinweise zum Eingreifen der Alliierten, um die nach Auschwitz führenden Bahngleise zu zerstören, oder Informationen zu Verhandlungen mit Himmler, damit dieser gegen riesige Lösegeldsummen die Auswanderung geretteter Juden genehmigt. Hierzu ergänze ich, dass diese Aktion ein Teil einer anderen Sache ist, mit der wir uns befassten – nämlich der Aktion der lateinamerikanischen Pässe, und dass wir nur einen Teil dieser Depeschen gefunden haben. Soviel ich weiß, wurde im Sommer vergangenen Jahres in Kanada ein Buch herausgegeben, das alle diese Fälle beschreibt.
     
    Zu den Pässen stelle ich später Fragen. Warum wurden die Depeschen der Familie Sternbuch durch Vermittlung der polnischen Gesandtschaft übermittelt?
     
    Sicherlich deshalb, weil Polen als einziger alliierter Staat daran interessiert war, den Völkermord an Juden publik zu machen. Ich glaube, dass die starke (obgleich manchmal schwierige) Persönlichkeit von Aleksander Ładoś eine gewisse Rolle gespielt hat, der keine Angst vor Maßnahmen hatte, die auf ein anderweitiges und nicht herkömmliches Sammeln von Informationen gerichtet waren. Er musste so handeln: Denn er war schließlich in den Jahren 1940-1945 Chef der Vertretung, die dem besetzten Polen am nächsten gelegen war, und für die Kuriere der Familie Sternbuch war es einfacher, nach Bern zu kommen. Ich bin überzeugt davon, dass Juliusz Kühl in dieser Sache eine gewisse Rolle gespielt hat. Er war ein junger Doktor der Wirtschaftswissenschaften, ein aus Sanok stammender Jude, den die Polen als Mitarbeiter des Konsulats eingestellt hatten, und später war er Diplomat. Anzunehmen ist, dass Ładoś ihm vertraute und ihm die umfangreichen Kontakte mit jüdischen Organisationen übertrug.
    In der allgemeinen Erinnerung der jüdischen Gemeinschaft wird Kühl sehr oft als Hauptakteur der „Berner Gruppe” wahrgenommen.
     
    Aus den Dokumenten geht dies nicht hervor. Wie aus einer Aktennotiz über Aussagen resultiert, schätzt sich Kühl nicht so ein. Es wäre auch schwierig, dass anzunehmen, denn als der Krieg ausbrach, war er 26 Jahre alt und ein untergeordneter Mitarbeiter von Ładoś, eines Menschen, der an den Verhandlungen zum Friedensvertrag von Riga teilgenommen hatte und ehemaliger Minister war. Damit will ich natürlich das Heldentum und die außerordentliche Intelligenz von Juliusz Kühl nicht herabmindern, dessen Verdienste in der gesamten Aktion nicht hoch genug geschätzt werden können. Er riskierte auch sehr viel: Denn die Schweiz erkannte seinen diplomatischen Status nicht an und einige „heiße Köpfe” rieten seine Deportation an. Er wurde sogar durch einen Ermittlungsrichter vernommen. Ładoś verteidigte ihn loyal gegen sämtliche Anschuldigungen.
     
    Übermittelte ein anderer Staat Depeschen?
     
    Ich habe keine Informationen zu diesem Thema gefunden, hingegen Informationen, die mir verfügbar sind, widersprechen das. Beispielsweise informiert in einer der Depeschen Izaak Sternbuch über seine Gespräche mit den Gesandtschaften der USA und von Großbritannien. Wenn er die kryptographischen Codes dieser Gesandtschaften genutzt hätte, müsste er die Informationen nicht über die polnische Gesandtschaft senden.
     
    Wohin wurden die Informationen gesendet?
     
    Ich habe Depeschen gesehen, die an das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten in London, an das Generalkonsulat in New York und an die Botschaft der polnischen Exilregierung  in Washington geschickt worden waren. Eingeweiht in die Sache waren noch mehrere andere polnische Diplomaten, unter ihnen Botschafter Jan Ciechanowski in Washington und Konsul Sylwin Strakacz in New York.
     
    Warum erfahren wir jetzt erst, dass diese Dokumente in polnischer Sprache über polnische kryptographische Codes und mit Bewilligung der polnischen Regierung versandt wurden?
     
    Darüber wurde schon früher geschrieben, doch ohne eine Sensation hervorzurufen. Ich selbst war gleicher Meinung. Der Versand der Depeschen durch die Sternbuchs war meiner Meinung, als Person, die viele Jahre nach dem Krieg geboren wurde – ganz einfach eine humanitäre Reaktion. Mich interessierten vor allem die Pässe, denn über sie sprach ständig unser jüdischer Honorarkonsul in Zürich, Herr Markus Blechner, der darüber auch mit Journalisten sprach und sich seit Jahren dafür einsetzte, dass sich die polnische Diplomatie ernsthaft damit beschäftigt. Ich wollte ganz einfach mit höchster beruflicher Sorgfalt die Handlungsweise und die Motivationen der Teilnehmer dieser Aktion überprüfen. Auf die Depeschen der Sternbuchs trafen meine Diplomaten bei den Arbeiten an der Dokumentation.
    Welche große Bedeutung die polnische Unterstützung bei der Übermittlung der Depeschen hatte, verstand ich erst dank des Vertreters der örtlichen jüdischen Gemeinschaft, eines religiösen und sehr klugen Menschen. Er sagte mir, dass unsere Botschaft ein „heiliger Ort” sei, denn hier wurden „so viele Menschen gerettet”. Dieser Mann, dem das Gehen schwer fiel, wollte unbedingt die Treppe in die oberste Etage hochgehen, nur um sich den kleinen Serverraum anzuschauen, in dem sich in der Zeit des Krieges unsere Funkstation befand. Zum Schluss sagte er mir: „Sie sagen, dass Ładoś hunderte Menschen gerettet habe, doch ich sehe schon, dass er Tausende gerettet hat.” Ich habe wieder nicht verstanden, aber mein Gesprächspartner sagte: „Was denken Sie, woher die Gelder für das Lösegeld an Himmler gekommen sind? Ohne den Einsatz Ihrer Gesandtschaft hätten die Juden aus Amerika und Großbritannien dieses Geld nicht zusammenbringen können.”
     
    Polen half, obwohl die Alliierten eine skeptische Einstellung zum Zahlen von Lösegeld an die Nazis hatten.
     
    Ich verstehe, dass sie über die Depeschen von Herbst 1944 und über die Verhandlungen reden, die Vaad Hatzalah mit Zustimmung von Nuntius Filippo Bernardini und über Vermittlung von Jean-Marie Musy, des ehemaligen Bundespräsidenten der Schweiz, mit einem Teil der deutschen Behörden geführt hatte, wie ich verstehe, mit Himmler. Polen übermittelte tatsächlich die Depesche vom 15. November 1944, die Informationen über den Ablauf der Verhandlungen enthält, woraus zu schließen ist, dass Polen nicht dagegen war und dies unterstützte. Dies geschah in der Zeit, als Ładoś selbst alarmierende Informationen übermittelte, dass die Deutschen beabsichtigen, Auschwitz-Birkenau total zu vernichten und die in den Baracken lebenden Häftlinge ermorden. Dem KZ näherte sich die sowjetische Armee. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten hob die Geheimschutzregelung bezüglich des Eingreifens der polnischen Gesandtschaft und ebenfalls des Ministers für Auswärtige Angelegenheiten Tadeusz Romer in dieser Sache auf. Die Depesche über die Verhandlungen wurde während der Auseinandersetzung übermittelt, dass die Schweiz den Protest des Heiligen Stuhls gegen den geplanten Mord unterstützt.
     
    Das sind harte Worte: Die polnische Regierung unterstützte die Bezahlung von Lösegeld an das Dritte Reich.
     
    Das wundert mich nicht. Es ging um menschliches Leben und in dieser Zeit stand das Ende von Hitlerdeutschland bereits fest. Außerdem war Polen bereit, aus der eigenen Staatskasse für menschliches Leben Geld zu bezahlen. Bei einem Akteneinsichtsverfahren öffentlicher Quellen – des Silberschein-Archivs in Yad Vashem, trafen wir auf den Schriftwechsel von April 1945 zwischen der Gesandtschaft und den Genfer Vertretern des Jüdischen Weltkongresses. Die Alliierten näherten sich dem KZ Bergen-Belsen und die Regierung bestimmte einen Sonderfonds zur „Rettung von 300 Häftlingen” aus Polen. Die zweite der Depeschen zeugt davon, dass es sich um Lösegeld handelt, aber nicht um Medikamente oder Lebensmittelpakete. Informiert wurde darüber, dass das KZ bereits befreit worden sei und dass die Verwendung dieser Geldsummen nicht mehr erforderlich sei. Es ist unbekannt, wie und an wen das Geld übergeben werden sollte. Bei dieser Sache war Manfred Lachs engagiert. Er war zu dieser Zeit 30 Jahre alt und Mitglied des Regierungsausschusses für die Rettung von Juden. Später war er ein anerkannter Spezialist im internationalen Recht und Präsident des Internationalen Gerichtshofes. Ein Name, der in der Rechtslehre viel bedeutet.
     
    Ist bekannt, wie viele Juden auf diese Weise gerettet werden konnten?
     
    Das weiß ich nicht. Fiktive Angaben möchte ich nicht machen. Ich weiß, dass im Februar 1945 ein Transport von 1200 Personen in der Schweiz ankam. Ich bin kein Historiker im Bereich des Zweiten Weltkriegs und weiß nicht, welchen Einfluss die Verhandlungen der Sternbuchs auf die Verlangsamung der Vernichtungsaktionen hatten. Biografen der Sternbuchs sagen, dass deren Tätigkeit das Leben von Tausenden oder gar Hunderttausenden Personen gerettet hatte. Ich habe sogar eine Zahl von 300.000 gehört. Das Jonglieren mit Zahlen zum Holocaust mag ich nicht, denn dies hat oft eine Propaganda-Ausrichtung. Nach diesem Prinzip sagte plötzlich jemand, als ich vor Kurzem im Pariser Mémorial de la Shoah war, dass doch „bewiesen sei”, dass die Polen eine Viertel Million Juden ermordet hätten. Und diese Person wunderte sich, dass niemand glaubwürdige Untersuchungen in dieser Sache durchgeführt hat. Eine ähnliche Pseudowissenschaft will ich nicht betreiben. Mit Sicherheit haben die Verhandlungen der Sternbuchs vielen Menschen das Leben gerettet. Und Punkt! Die polnische Gesandtschaft hatte sich daran beteiligt. Und Punkt! Eine wichtige Beteiligung, aber ich bin weit entfernt davon, „Prozente” anzugeben.
     
    Eine andere außergewöhnliche Sache ist die sog. polnisch-jüdische Berner Gruppe, der u. a. polnische Diplomaten angehören: der bereits erwähnte Juliusz Kühl sowie Konstanty Rokicki. Ihnen wird eine Gedenktafel gewidmet werden, die im schweizerischen Bern enthüllt wird. In den Jahren 1941-1943 fälschten beide Diplomaten massenweise lateinamerikanische Pässe, die halfen, polnische Juden vom Holocaust zu retten.
     
    Zu Beginn befassten wir uns ausschließlich mit dem Fall der Pässe, als wir erfuhren, dass sich damit Journalisten beschäftigen. Deshalb wollten wir überprüfen, ob in diesem Fall wirklich alles so ist, wie Herr Blechner sagt. Deshalb schauten wir uns alle verfügbaren Dokumente an – meine Diplomaten waren im Sikorski-Institut in London, in Yad Vashem, im Schweizerischen Bundesarchiv etc. Sehr sachgemäß verhält sich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten, das uns viele Unterlagen übergab, um die wir baten. Wir schlossen ein Gentlemen’s Agreement mit den Journalisten: Wir übergeben alles, was wir haben, aber auch ihr übergebt die Dokumente, die ihr findet. Auf diese Weise erhielten wir die Dokumente aus dem polnischen Archiv Neuer Akten (Archiwum Akt Nowych - AAN).
     
    Ich frage direkt: Für die Konsuln lateinamerikanischer Staaten  wurden riesige Bestechungsgelder verwendet. Sind wir sicher, dass sich keiner der polnischen Diplomaten einen materiellen Vorteil verschaffen wollte?
     
    Dies wurde den Polen weder durch die schweizerische Polizei noch durch jüdische Organisationen vorgeworfen, und Juliusz Kühl sagte eindeutig aus, dass weder er noch einer der Polen an dieser Aktion materielle Vorteile hatte. Hingegen erzielten die Konsuln lateinamerikanischer Staaten erhebliche Profite. Wichtig ist es dabei, deutlich abzugrenzen: Keiner von ihnen war lateinamerikanischer Abstammung. Es handelte sich um örtlich ansässige Berner und Genfer Mitglieder der juristischen Elite. Einer von ihnen kassierte sogar 2000 Schweizerfranken für einen Pass ein. Um sich eine Vorstellung machen zu können, wie viel das war – damals waren das mehrere gute schweizerische Gehälter. Doktor Silberschein vom Jüdischen Weltkongress, polnischer Parlamentsabgeordneter vor dem Zweiten Weltkrieg, sagte eindeutig aus, an wen und wie viel er übergab. Auf seiner Liste sind keine Polen. Sie betätigten sich hingegen in einigen Fällen als Übergeber des Lösegelds – u. a. an den Honorarkonsul von Paraguay und wahrscheinlich von Honduras.
     
    Wie sah die Rettungsaktion von Juden durch falsche Pässe konkret aus?
     
    Die Polen hatten die Idee, dass jemand, dem ein Pass eines fremden Staates ausgehändigt wird, eine Überlebenschance hat. Nach Aussagen von Kühl wurden paraguayische Pässe erstmals in den Jahren 1939-1940 für ein Dutzend bis mehrere Dutzend Personen jüdischer Abstammung verwendet, die sich in dem von der Sowjetunion besetzten Gebiet befanden. Danach wurde dieses System angewandt, als der Holocaust begann und ersichtlich war, was die Deutschen vorhaben - dass sie jeden Juden ermorden wollen. Zu diesem Zeitpunkt wurde mit der Aktion begonnen, doch sie begann recht chaotisch – und wurde dann nach den ersten Deportationen aus dem Ghetto im Sommer 1942 intensiviert.
     
    Kann dieses Chaos als gefährlich für das ganze Vorhaben gedeutet werden?
     
    Ich glaube, dass darin das Problem liegt. Mit den ersten Pässen hatte es geklappt – deren Inhaber wurden nicht in die Vernichtungslager gebracht, sondern in das Gefängnis Pawiak und von dort in Internierungslager in Frankreich und in Deutschland. Im Ghetto verbreiteten sich die Nachrichten schnell. Kennen Sie das Gedicht „Pässe” von Władysław Szlengel? Der Autor schreibt, dass er einen Pass von Paraguay oder Costa Rica haben möchte, nur um ohne Probleme in Warschau wohnen zu können. Das war bekannt. Zum Beispiel erhielt Ende 1941 Guta Eisenzweig einen Pass, die spätere Ehefrau von einem der Herren Sternbuch, und ihr Freund war Hilel Seidman – das war die intellektuelle Elite orthodoxer Juden. Nach Aussagen von Frau Sternbuch wurde die Passbeschaffung über Kühl erledigt. Ich befürchte, die Nachricht verbreitete sich und zum Honorarkonsul von Paraguay kamen Privatpersonen, und er selbst hatte Angst aufzufliegen. Stefan Ryniewicz, der Vertreter von Ładoś, und Rokicki – das wissen wir aus seinen Aussagen – überzeugten ihn, dass sie die Verantwortung übernehmen und ihn decken werden. Meine Hypothese: Die Polen verstanden, dass eine unkontrollierte Ausstellung von Pässen mit verschiedenen Handschriften, ausgefüllt durch nicht kompetente Personen, zur Aufdeckung der gesamten Operation führen wird. Und was geschieht, wenn reiche Personen beginnen, sich mehrere Pässe zu beschaffen und wenn jemand als Bürger von zehn Staaten auffliegt? Das stellte eine Gefahr für andere „Paraguayer” oder „Honduraner” dar. Rokicki und Ryniewicz statteten deshalb zu einem bestimmten Zeitpunkt Abraham Silberschein einen Besuch ab und schlugen ihm eine Zusammenarbeit vor.
     
    Wer war Abraham Silberschein?
     
    Zionist, polnischer Parlamentsabgeordneter in den 1920er Jahren und Rechtsanwalt. Er stammte – wie Ładoś – aus Lwiw (fünf von sechs Mitgliedern der Berner Rettungsaktion stammten notabene aus der gleichen Region – aus Sanok, Ustrzyki, Lwiw und Tarnopol). Als der Krieg ausbrach, war er etwa 60 Jahre alt und wohnte in Genf, wo er Vertreter des Jüdischen Weltkongresses war. In dessen Namen gründete er das Komitee zur Hilfeleistung für die kriegsbetroffene jüdische Bevölkerung (RELICO). Er verfügte über den Zugang zu Geldmitteln des Kongresses und gleichzeitig erfreute er sich eines vollen Vertrauens seitens der polnischen Gesandtschaft. Nach dem Treffen mit Rokicki und Ryniewicz übernahm er den Großteil der Arbeiten. Silberschein und die Gesandtschaft hatten – so nehme ich an – ein Monopol für den Zugang zu den Listen von Personen, für die die Pässe ausgestellt werden sollten. Das Herausschmuggeln der Listen aus dem besetzten Polen zusammen mit den Fotos ist eine separate Sache. Es gab aber noch eine weitere Quelle, unabhängig von Silberschein und politisch vollkommen anders ausgerichtet.
     
    Denken Sie an Chaim Eiss? Er wird auch in Ihren Dokumenten genannt.
     
    Ja. Chaim Eiss war der Führer von Agudas Yisroel aus Zürich, einer orthodoxen Organisation, die mit den Ideen von Silberschein, einem politisch links ausgerichteten Zionisten, nichts gemeinsam hat. Er wurde in Ustrzyki geboren und kam als junger Mensch in die Schweiz. In Zürich betrieb er zusammen mit seinen Söhnen einen Laden. Er baute auch ein Netzwerk zum Einschmuggeln von Dokumenten und Fotos auf. Sein Schriftwechsel mit Konsul Rokicki ist erhalten geblieben. Auf den Listen von Eiss sind – nach meinem Wissen – vor allem religiöse Juden aus dem besetzten Polen zu finden, hingegen auf den Listen von Silberschein - jeder, den man retten konnte – Juden aus Polen, den Niederlanden, der Slowakei und aus vielen anderen Ländern.
     
    Sie sagten vorher, dass ohne die Zusammenarbeit mit jüdischen Organisationen die Passbeschaffung nicht realisiert worden wäre.
     
    Natürlich nicht. Die Juden schmuggelten die Personenlisten, die Angaben und die Fotos ein. Durch ihre Entschlossenheit und ihren harten Kampf hatte die Aktion überhaupt ihren Sinn. Das sind wirklich erschütternde Materialien. Die Menschen schnitten z. B. die Fotos aus Familienfotografien aus. Wir fanden ganze Bogen solcher Fotos. Am erschütterndsten ist jedoch, dass diese gefundenen Fotos nie verwendet wurden… Sie wurden an der Grenze beschlagnahmt oder nach vielen Jahren im Archiv von Eiss gefunden, der im Herbst 1943 an einem Herzinfarkt starb. Das sind Fotos der Opfer des Holocaust.
    Ich werde immer wiederholen, dass die Berner Gruppe eine polnisch-jüdische Aktion war. Diejenigen, die in ihr eine ausschließlich polnische oder jüdische Operation sehen, verfälschen die Geschichte.
     
    Auf welche Art und Weise erfolgte die Passbeschaffung?
     
    Das ist davon abhängig, um welche Pässe es sich handelt. Paraguayische Pässe waren polnische Fälschungen. Der Konsul von Paraguay war Rudolf Hügli, ein Berner Rechtsanwalt, der Blankopässe verkaufte. Kühl brachte die Pässe ins polnische Konsulat, die Behörde, vor der wir die Gedenktafel enthüllen wollen. Im Konsulat füllte Rokicki die Pässe handschriftlich aus. Anschließend schaffte Kühl die Pässe wieder zurück, Hügli unterzeichnete sie und stempelte sie ab, dann erstellte er selbst – als Notar – eine Kopie und unterzeichnete die Übereinstimmung mit dem Original. Als die Blankopässe fehlten, wurde anders verfahren: Man begnügte sich mit einem Brief an den Begünstigten, in dem – immer in derselben Formulierung – Hügli auf Deutsch darüber informierte, dass ihm die paraguayische Staatsbürgerschaft übertragen worden sei. Ich habe Dokumente von Yad Vashem gesehen. Statistiken habe ich nicht aufgestellt, doch aus den Dokumenten resultiert, dass nur auf der Grundlage der Listen von Silberschein hunderte Pässe ausgestellt worden waren und gar tausende Bescheinigungen über die Staatsbürgerschaft. Es handelt sich um lange Namenslisten.
     
    Und Pässe anderer Staaten?
     
    Mit den Konsuln kontaktierte sich meistens Silberschein, hingegen bei Problemen Stefan Ryniewicz. Das war ein sehr erfahrener Konsul sowie konsequenter Diplomat und Spezialist in schwierigen Angelegenheiten. Silberschein bat manchmal Rokicki um Hilfe. Während auf den paraguayischen Pässen die Handschrift von Rokicki erkennbar ist, ist das bei anderen Pässen nicht der Fall. Honduranische Pässe stellte der honduranische Honorarkonsul Anton Bauer aus. Interessant ist, dass er nach seiner Entlassung die Stempel und Blankopässe stahl und weiterhin mit den Dokumenten handelte. Es gibt ein interessantes Schreiben, in dem Silberschein sich mit der Bitte an Rokicki wendet, die „Beschaffung” „für morgen” zu erledigen, weil er gerade nach Bern fährt. Am selben Tag wurden mehrere honduranische Pässe ausgestellt. Eher kein Zufall – das honduranische Konsulat befand sich 5 Autominuten von der polnischen Gesandtschaft entfernt. Die peruanischen Pässe wurden von Konsul José Barreto ausgestellt, einem Berufsdiplomaten, mit dem sich Silberschein direkt kontaktierte. Ryniewicz warf ihm „Handeln auf eigene Faust” vor, was zur Aufdeckung führte. Eine erhebliche Autonomie gegenüber der polnischen Gesandtschaft hatten die Handlungen des Generalkonsuls von El Salvador Arturo Castellanos. Er hatte, ähnlich wie Ładoś, seinen vertrauten jüdischen Mitarbeiter György Mandl aus Siebenbürgen, der ebenfalls als George Mantello bekannt ist. In diesem Fall kann ich die Handlungsweise nicht rekonstruieren. Wahrscheinlich hatte die Gesandtschaft den alleinigen Zugang zu den Listen, denn in einer der Depeschen nach London informiert er, wie viele Pässe von El Salvador ausgestellt wurden. Eins ist wichtig: Generell stellten die lateinamerikanischen Konsuln die Pässe gegen Geldzahlung aus, aber Castellanos – nicht! Mantello erhielt von ihm die Erlaubnis zum Handeln auf eigene Faust, denn Castellanos verstand, was mit Juden geschieht.
     
    Konnte man sich mit diesen Tätigkeiten wirklich bereichern?
     
    Ja, das war möglich. Hügli kassierte für einen Pass von 500 bis 2000 Franken ein. Wenn er Rokicki und Kühl – nehmen wir an – 500 Blankopässe übergab, dann kassierte er mindestens eine Viertel Million ein, werden noch die Pässe für Eiss und für eine weniger bekannte Quelle, Rabbiner Weingort, hinzugerechnet, kann sich herausstellen, dass er in kurzer Zeit Millionär geworden war. Damals war das so viel, was heute umgerechnet – in Zloty – einen Verdienst von einem Dutzend Millionen in einem Jahr bedeuten würde. Ładoś und Rokicki verstarben hingegen als arme Leute, während Ryniewicz nach dem Krieg in Argentinien lebte, wo er eine Autowaschanlage betrieb. Keiner von ihnen ist Millionär geworden.
     
    Sie schrieben und sprachen darüber, dass Hügl festgenommen wurde.
     
    Ja, doch später wurde er entlassen und die Sache wurde unter den Teppich gekehrt. Vielleicht war das auch gut. Ładoś ging 1943 zu Marcel Pilet-Golaz, dem Minister des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten, und überzeugte ihn, dass sich die Sache nicht auf die Schweiz bezieht und dass das, was Polen und Paraguay untereinander machen, nicht Gegenstand von Ermittlungen und Nachforschungen sein sollte. Natürlich reagierte der Minister auf diesen Hinweis verbunden mit Druckausübung empört, doch dann klang die Sache ab. Hügl und andere Konsuln wurden von den jeweiligen Staaten abberufen, während gegen Silberschein, Eiss und Kühl, die zwar kurzzeitig festgenommen oder vernommen wurden, geschah nichts. Ich glaube, dass niemand Hügl das Geld weggenommen hat. Im Jahr 1943 hatte es keinen Sinn einen Skandal daraus zu machen, dass jemand Juden rettet. Die Schweiz wusste, was sich abspielt – der Begriff „Vernichtungslager” erscheint in Dokumenten dieser Zeit, in schweizerischen Dokumenten.
     
    Wie viele Personen konnten dank der Pässe gerettet werden?
     
    Das weiß ich nicht. Ich bin dagegen, Zahlen aus der Luft zu greifen. Wir wissen nicht, wie viele Pässe es waren und wie viele Menschen in den Pässen eingetragen waren (denn einige waren für ganze Familien ausgestellt). Als Mindestzahlen werden 4.000 Pässe angegeben, aber diese beziehen sich nur auf die „Silberschein-Linie”, doch wie schon gesagt, gab es noch andere. Ein großer Teil ihrer Inhaber erlebte das Kriegsende nicht. Und es ist klar zu sagen: ein Teil von ihnen wurde von den Deutschen bei der Liquidation des KZ Vittel in Frankreich ermordet, während andere an einer Epidemie im KZ Bergen-Belsen starben, und es gab auch Fälle, bei denen die SS die Inhaber der Pässe genauso wie alle anderen ermordete. Ein Teil der Pässe wurde bestimmt auch an Personen geschickt, die nicht mehr lebten. Das grauenhafteste Beispiel ist wohl der Fall des Polnischen Hotels, bei dem die Gestapo den Teil der Pässe ausnutzte, der erst nach Liquidation des Ghettos ankam. Welcher Teil der tausenden Inhaber der Pässe überlebte? Das weiß ich nicht, aber es gibt viele, denn ihre Nachkommen melden sich die ganze Zeit bei uns und häufig sind das keine Polen, sondern z. B. Niederländer.
     
    Weiß die Welt etwas über Ładoś und seine Leute?
     
    Immer mehr. Diese Aktion ist eigentlich schon lange bekannt. Bisher wurde Ładoś sozusagen nebenbei in der Geschichte über Guta Sternbuch und über die Pässe erwähnt. Davon, dass die Rolle seiner Gesandtschaft eine Schlüsselfunktion hatte, erfuhren wir erst dank der polnischen und in einem geringeren Umfang der kanadischen Veröffentlichungen im August 2017. Seit dieser Zeit begannen sich bei mir die Geretteten und deren Nachkommen zu melden. Jetzt wissen wir, dass die Rettungsaktion mit Hilfe von Pässen einen großen Teil von Europa und nicht nur Polen umfasste. Deshalb erscheinen z. B. Artikel zu diesem Thema in den Medien in den Niederlanden und in Belgien. Seit dieser Zeit ist diese Sache auch Thema von wissenschaftlichen Konferenzen und wurde von mir bekannten Forschern der Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg anerkannt. In Deutschland entsteht auch eine Monografie über die Berner Gruppe. Ihre Autorin habe ich kennengelernt und wir haben einige Stunden darüber gesprochen und sind zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen. Ich empfehle polnischen Historikern, sich für die Berner Gruppe zu interessieren. Bisherige Veröffentlichungen sind zwar wertvoll, aber behandeln dieses Thema nicht erschöpfend.
     
     Stellt einer der Historiker Ihre Darlegungen infrage?
     
    Nein. Wir haben auch nichts zu verdecken. Die von uns erlangten Kopien übergeben wir den Forschern. Wenn sie noch mehr finden, umso besser.
     
    Herr Botschafter, wie oft muss die polnische Botschaft in der Schweiz in Fällen der Formulierungen wie „polnische Todeslager” eingreifen?
     
    Ich sehe, diese Frage musste gestellt werden. Im vergangenen Jahr dreimal und dreimal erhielten wir Entschuldigungen. Die Schweizer erinnern sich an tausende internierte polnische Soldaten, Polen im Zweiten Weltkrieg assoziieren sie mit Heldentum. Die Bezeichnung „polnisches Lager” ist für einen durchschnittlichen Schweizer eine absurde Formulierung. Berücksichtigen Sie bitte auch, dass die Aktion von Ładoś und der Berner Gruppe damit nicht in Verbindung steht. Die Journalisten schreiben darüber seit vielen Monaten.
     
    Das Interview führte Petar Petrović

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