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  • Meinem Vaterland, der Republik Polen treu sein

     

  • AKTUELLES

  • 4 April 2019

    Polen erschien schon wieder auf den Seiten der „Neuen Zürcher Zeitung" und wir werden erneut an die Tafel gerufen. Dieses Mal mit dem Artikel „Ein solches Geschichtsbild dulden wir nicht – eine polnische Kampagne gegen die Holocaust-Forschung“. Es wurde uns und der polnischen Regierung vorgeworfen, dass wir uns der Holocaust-Forschung widersetzen sowie uns an einer organisierten Kampagne gegen Historiker beteiligen. Wir haben grossen Respekt vor den Schweizer Lesern, welche solches kritisch beurteilen können. Daher schreiben wir diese Worte zusammen, ein Pole und ein Schweizer Jude polnischer Abstammung, weil das Thema ernst ist und deshalb von uns auch eine klare Haltung verlangt.

    Vor einem Monat hat die Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris eine Konferenz zum Holocaust organisiert. Eigentlich zu einer bestimmten Wahrnehmung des Holocaust.

     

    Der Höhepunkt der Konferenz war der Vortrag eines Forschers, der die Haltung von Polen gegenüber Juden mit den Beziehungen zwischen Hutus und Tutsi verglichen hat (Wir haben sein Biogramm nachgelesen: er spricht weder Polnisch noch Deutsch oder irgendeine der jüdischen Sprachen und Dialekte. Wir haben keine Ahnung, wie er seine „Studie“ durchgeführt hat). Die Hauptgäste der Konferenz waren jedoch die Forscher der sogenannten neuen historiografischen Schule. Deren Anführer sind in der allgemeinen Wahrnehmung zwei Wissenschaftler: Jan Tomasz Gross und Jan Grabowski. Wir kritisieren diese Forscher nicht. Wir sind sogar bereit, ihr Recht zur Meinungsäußerung zu verteidigen. Wir kritisieren hingegen die Unwahrheiten und Verdrehungen – sowohl in ihren öffentlichen Auftritten als auch im Artikel von Herrn Joseph Croitoru, der kritiklos vervielfältigt, was die Forscher behaupten.

     

    Die Tonart aller Reden in Paris war ähnlich: Polen beteiligte sich am Holocaust. Fast jedem, der sich dagegen ausgesprochen hatte, wurde das Mikrofon weggenommen. Die Veranstalter gingen durch den Raum und überprüften, ob niemand die Reden aufnimmt. Es war eine der seltsamsten Konferenzen, von denen wir gehört haben. Einer der Redner, ein Literatur-Forscher, hat von der Polen, die „die Steine in jüdische Gräber legen" wollen. Niemand verstand, was er meinte, denn die polnische Regierung finanziert einen der schönsten und größten jüdischen Friedhöfe Europas in Warschau. Jan Tomasz Gross sagte, dass Polen von Nachfolgern der Faschisten und Antisemiten regiert wird. Für einen von uns, Markus Blechner, einen polnischen Juden und Nachkommen von Holocaust-Überlebenden, ist das besonders beleidigend. Das würde bedeuten, dass er auch für die Antisemiten arbeitet…

     

    Nach dem zweitägigem Symposium gaben die Forscher der „neuen historiografischen Schule“ unverzüglich bekannt, dass sie in Paris angegriffen worden waren. Polnische Nationalisten hätten die Vorlesungen unterbrochen und versuchten, die Konferenz zunichte zu machen. Sie hätten geschrien, gestampft und – was bei uns eine besondere Abscheu erregt - antisemitische Parolen verwendet. Wenn dies wahr wäre, hätten wir nur geschwiegen und uns für unser Land  zutiefst geschämt. Die Forscher wurden sofort von der linksorientierten Presse in Polen und ihren französischen Kollegen unterstützt, die oft die Mitautoren ihrer Bücher sind. Schließlich stand die französische Ministerin aufseiten der „neuen historischen Schule“, leider ohne Prüfung der Fakten. Wären die Vorwürfe durch die Aufnahmen bestätigt, wären wir heute bereit, die antisemitischen Inhalte und die Gewalt auf der Konferenz zu verurteilen. Das Problem ist, dass die Vorwürfe haltlos sind.

     

    Polen hat die Veröffentlichung der Aufnahmen von der Konferenz verlangt aber ohne Erfolg. Glücklicherweise nahmen viele Konferenzteilnehmer die Reden der Vortragenden für Ihren persönlichen Gebrauch auf. Einer von uns bat um die Aufnahmen und hat den Ablauf des gesamten ersten Tages der Konferenz (4 Stunden 37 Minuten) wiedergegeben. Er hat sich die Aufnahme der Vorträge von Professor Gross und Professor Grabowski und anderen Forschern angehört und alles im Internet veröffentlicht. Bis heute sind die Aufnahmen dort verfügbar. Man hört keine antisemitischen Zurufe auf den Aufnahmen und niemand hat die Rede der Professoren Gross und Grabowski unterbrochen. Nur eine Person hat man unterbrochen - den Vertreter des Polnischen Instituts für Nationales Gedenken (IPN) Dr. Korkuć, welcher versuchte, mit anderen zu diskutieren. „Il n’y a pas de sens !", „ça suffit" - schrie ein Teil des Publikums. Es ist auch ein kurzer Streit entstanden, als die Organisatoren versuchten, die Aufnahme der Konferenz zu verbieten.

     

    Nach der Veröffentlichung der Aufnahmen, die die französischen Gastgeber selbst nicht veröffentlichen wollten,  ist alles still geworden. Es schien, man hat die Lüge identifiziert.

     

    Nach einem Monat kehrte jedoch das Thema plötzlich auf die Seiten der „NZZ" zurück. Der Autor Joseph Croitoru versuchte weder den Kontakt mit der polnischen Seite aufzunehmen noch die veröffentlichten Aufnahmen abzuhören. Er hat nur mit den Organisatoren geredet. Er hat das Thema so vorgestellt, als ob Polen die unabhängigen Historiker angegriffen hätte.

     

    Falsch!

     

    Tatsächlich wird Herr Professor Grabowski kritisiert, aber das gilt für jeden Forscher. Ein Grund dafür ist jedoch nicht, dass er sich mit Holocaust befasst, sondern dass er nicht existierende Forschungsergebnisse erfindet. Er behauptet, dass die Polen während des Holocaust 200 000 Juden ermordeten bzw. dazu beitrugen. Er hat diese Zahl nie nachweisen können. Seit vielen Jahren verweis er auf einen Artikel aus dem Jahr 1970 von Szymon Datner, dem Vater polnischer Holocaust-Forschung. Dieser Artikel ist auch auf Englisch verfügbar. Dr. Datner, selbst Holocaust-Überlebender, welcher später das Jüdische Historische Institut leitete, schrieb das niemals. Seine Ansichten über die Haltung der Polen gegenüber dem Holocaust waren positiv, vielleicht zu positiv (aber so hat er geschrieben). Seit Jahren wird Grabowskis These von den israelischen Medien gedankenlos wiederholt. Erst im Februar 2019 bestätigte „Jerusalem Post" ehrlich und nach einer gründlichen Analyse, dass die These nicht wahr ist. Das Buch „Es ist immer noch Nacht“ bestätigt die These über die 200 000 Ermordeten nicht. Eine solche Behauptung ist im Buch nicht zu finden. Die von Grabowski in Paris verbreiteten Worte entsprechen der Wahrheit nicht. Wir haben auch Zweifel, ob Herr Croitoru das Buch von Professor Grabowski gelesen hat, das ausschließlich auf Polnisch erhältlich ist.

     

    Seit kurzem lanciert die Grabowski-Gruppe eine neue These. Diese Forscher behaupten, dass nur 1,8% der Juden den Holocaust im von den Deutschen besetzten Polen überlebt haben. Dies soll sich aus ihrem neuen Buch „Es ist immer noch Nacht“ ergeben – dies ist aber nicht der Fall. Diese 2498 Fälle, die Herr Croitoru zitiert, sind einfach nur diejenigen Fälle, die untersucht wurden. Es ist so, als würde man sagen: "Ich kenne 100 Personen, welche die „Neue Zürcher Zeitung“ lesen. Bedeutet das, dass die  "NZZ" 100 Leser hat? Es ist also ein ernsthafter methodologischer Fehler, zumal die Autoren des Buches den Vorbehalt gemacht haben, dass es möglich ist, nur an ein Teil der Überlebenden zu gelangen.


    Auf viele andere Manipulationen mit den wissenschaftlichen Quellen seitens der Autoren hat Dr. Tomasz Domański vom Institut für Nationales Gedenken (IPN) hingewiesen. Als Antwort hat er von Professor Grabowski meistens Beleidigungen erhalten - im Gegensatz zur Behauptung von Herrn Croitoru. Zuerst las er, dass er "sich diskreditierte", dann hörte er in Paris von dem "intellektuellen Elend" seiner Institution und schliesslich las er in einer "Polemik", dass er fast ein Holocaustleugner sei. Einer von uns, Jakub Kumoch, kennt das übrigens auch aus seiner eigenen Erfahrung. Er hat einmal eine Polemik mit Herrn Professor Grabowski, hörte aber, dass er kein Gesprächspartner für ihn sei.

     

    In der "Neuen Schule der Geschichte“ gibt es tatsächlich nichts Neues. Der historische Revisionismus existiert in fast jedem Land und hat überall ähnliche Formen. Es gehört zu einer Ideologie, die in der Regel nationale "Heiligkeiten" ablehnt und dort schlägt, wo es am meisten schmerzt. Seine Aufgabe ist es zu beweisen, dass die Polen während des Krieges keine Helden waren. Aber die „neue Schule“ existiert nicht nur in Polen. Ein israelischer Historiker probiert etwa seit Jahren wiederum zu beweisen, dass der Staat Israel unrechtmässig gegründet wurde, weil die echten Juden heute Palästinenser sind. Ein deutscher Autor beweist hingegen, dass die heutige deutsche Wirtschaft darauf aufgebaut wurde, was das Dritte Reich geraubt hatte. Für den ultralinken Journalismus und Publizistik in den Vereinigten Staaten ist die gesamte amerikanische Geschichte eine Geschichte von Erniedrigung, Sklaverei, Mord und Imperialismus. Wir vermuten, dass dieselbe Historiographie im Süden, Norden, Osten und Westen bekannt ist.

     

    Es wird Sie vielleicht überraschen; wir halten den Revisionismus für einen wichtigen Bestandteil der nationalen Hygiene. Er stellt Fragen, die wir ständig beantworten müssen. Wir kritisieren nur seine Methodologie, aber nicht die Forscher selbst.

     

    Es freut uns aber zugleich, denn es zeigt nur, wie pluralistisch Polen ist. Diese Forschergruppe ist ein Teil der Polnischen Akademie der Wissenschaften, einer vom Parlament abhängigen Institution. In dem Sinne besteht die erwähnte Gruppe nicht aus „unabhängigen Forschern“. Fast gleichzeitig, als die NZZ den Text von Herrn Croitoru publizierte, gewährte das Kulturministerium der Republik Polen der Grabowski-Gruppe einen Zuschuss für die von ihr herausgegebene Zeitschrift.

     

    Der Revisionismus ist ein Test für unsere Toleranz und Demokratie. In Anbetracht der Tatsache, dass unser Land die Bücher von Prof. Grabowski subventioniert, genauso wie alle anderen gut begründeten Forschungsprojekte, denken wir, dass Polen diesen Test ziemlich gut bestanden hat.

     


    Markus Blechner, Honorarkonsul der Republik Polen in Zürich
    Jakub Kumoch, Botschafter der Republik Polen in der Schweiz und Liechtenstein

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