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  • Meinem Vaterland, der Republik Polen treu sein

     

  • AKTUELLES

  • 18 Dezember 2018

    Mit Bedauern möchten wir Ihnen mitteilen, dass die NZZ-Redaktion es abgelehnt hat, die Replik des polnischen Botschafters zum Artikel von S. Geissbühler „Der Holocaust war nicht nur deutsch – in Osteuropa wollen das viele nicht sehen” (erschienen in der NZZ am 12.12.2018) zu veröffentlichen. Der Text der zensierten Replik kann hier nachgelesen werden

    Sehr geehrte Damen und Herren

     

    Immer wenn ich an die Verantwortung für den Holocaust denke, steht vor meinen Augen eine Person. Ein Arbeiter aus Radom, einer Stadt in Zentralpolen, der mit seiner Familie aus ihrem Haus vertrieben wird. Sie haben kaum Zeit, ihre Sachen einzupacken. Es ist April 1941. Die deutschen Besatzer haben gerade entschieden, die Blotnia-, Zabia-, und ein paar andere Straßen, ein Gebiet inmitten des armen polnisch-jüdischen Stadtteils, in das sogenannte „kleine Ghetto“ zu verwandeln.

     

    Ich habe Zeit, über den Holocaust nachzudenken. Der Radomer Arbeiter, von dem ich erzähle, hatte sie damals nicht. Er konnte nur darüber nachdenken,  was er auf seinen Pferdewagen laden sollte und wo er seine Frau und Kinder unterbringen wird, nachdem sie aus ihrem Hause vertrieben wurden. Ich weiß nicht, ob er damals Mitleid mit den Juden hatte, die von den deutschen Okkupationsbehörden in das „kleine Ghetto“ aus dem ganzen Bezirk getrieben wurden. Er konnte damals nicht wissen, dass er nach 16 Monaten in seinen Heimatsort zurückkehren wird, nachdem die Deutschen im August 1942 das Ghetto liquidiert und seine jüdischen Einwohner ermordet hatten. Er ist weder Täter noch Zeuge. Er hat einfach nichts zu sagen.

     

    Dieses Haus an der Ecke von Blotnia- und Zabia-Strassen (die heute Kwiatkowskiego Strasse heisst) kenne ich gut. Das war mein Familienhaus und die Person, die ich beschrieben habe, war mein Urgroßvater. Nach dem Krieg erzählte er vom Mitleid mit den Juden und sagte auch, er habe immer wieder Lebensmittel ins Ghetto geschmuggelt. Ich weiß nicht, ob das wahr war oder nur eine Familienlegende ist. Ich werde es auch nicht mehr erfahren können.

     

    Die Geschichte meines Urgroßvaters ist nicht einmalig. Sie war typisch in der damaligen Kriegswirklichkeit. Die Besatzung Polens war nicht vergleichbar mit der Besatzung Frankreichs oder der Niederlande. Sie bedeutete eine Verwandlung des ganzen Landes in eine große Hölle mit verschiedenen Kreisen. Für die Juden war der schlimmste Kreis und für die Polen oder Weißrussen die anderen bestimmt. Der Zweck Deutschlands bestand nicht darin, eine Nazi-freundliche Regierung zu schaffen, sondern den Lebensraum für ein Grossdeutschland zu erweitern, die polnischen Eliten als eine Bedrohung auszurotten und die übrige Bevölkerung zu germanisieren oder zu Sklaven zu machen. Die Juden und die Polen jüdischer Herkunft wurden zum Tode verurteilt.

     

    Deshalb war ich als Mensch einfach schockiert, als ich im Artikel von Herrn Simon Geissbühler („Der Holocaust war nicht nur deutsch – in Osteuropa wollen das viele nicht sehen”), erschienen am 12.12.2018 in der respektierten NZZ, die folgenden Worte las: „Weder die Ghettoisierung noch die «Aktionen» der Einsatzgruppen, die Massenerschiessungen, Massendeportationen und auch der Betrieb der Konzentrations- und Vernichtungslager wären derart reibungslos vonstattengegangen, hätten die Deutschen nicht auf die Unterstützung von Ortsansässigen zählen können“.

     

    Dieser Satz stammt von einem Historiker und Diplomaten (ja, der Autor ist Diplomat eines neutralen Landes), der über eine Forschungsmethodologie verfügen sollte, um so etwas nicht zu schreiben. Die zitierten Worte sind eine Anklage, die von Historikern und Forschern schon so oft widerlegt worden sind. Denn das war die deutsche Verwaltung, die Ghettos 1940-41 gründete und befahl den Juden unter Todesstrafe dorthin umzuziehen. Gleichzeitig wurde die Todesstrafe für das Verstecken von Juden eingeführt, wobei sie dann mit aller Härte gegenüber den ganzen Familien angewendet wurde. Mein Urgroßvater war einer von Millionen Polen, die aufgefordert wurden, ihre Häuser zu verlassen, weil dort Ghettos oder Holocaust-Lager errichtet werden sollten.

     

    Er hat die Deutschen bei der Gründung des Ghettos weder unterstützt noch gestoppt. Es gab keine Volksabstimmung, keine Bürger- und Menschenrechtenausschüsse.  Die Politik Deutschlands beruhte auf brutaler Gewalt und mein Urgroßvater war für die Besatzer nur ein „gemeiner Untermensch“, der entweder einen Galgen oder eine Kugel in den Kopf verdiente - wie etwa 3 Millionen nichtjüdische Polen. Er hatte ebenso wenig zu sagen wie die Bewohner von Birkenau und Auschwitz, die aus ihren Häusern vertrieben wurden, damit das Gebiet des Vernichtungslagers erweitert werden konnte.

     

    Die Forscher des Auschwitz-Birkenau-Museums belegen, dass ungefähr 1200 Bewohner von Oświęcim (Auschwitz) trotz des Terrors ihr Leben riskierten, um die Flüchtlinge aus dieser größten Todesfabrik zu unterstützen. Sie konnten aber gegen den Betrieb des Vernichtungslagers nichts unternehmen. Es war genauso mit den polnischen Flüchtlingen, die aus den Gebieten vertrieben wurden, die in das Großdeutsche Reich völkerrechtswidrig eingegliedert wurden.

     

    Die pauschale Verurteilung von Mittel- und Osteuropa, die der Autor in seinem Text vornimmt, ist empirisch schwach untermauert. Er basieren wohl auf seinem Wissen über ein einziges Land in der Region – Rumänien. Zugleich deutlich ist aber die Ignoranz des Autors in Bezug auf die anderen Länder der Region. Der Autor wirft dennoch die ganze Region in einen Sack und glaubt, dass seine Analyse zutreffend im Falle jedes von den Ländern ist. Das ist mehr oder weniger so, als würde man die heutige sozial-politische Situation in der Schweiz durch das Prisma anderer westeuropäischer Länder, wie Portugal oder Irland, analysieren.

     

    In diesem Sinne ist das Rumänien der Kriegszeit sicherlich kein Model, anhand dessen man die damalige Situation in Polen, Lettland oder Jugoslawien analysieren kann. Die Kriegsgeschichte dieser Länder unterscheidet sich ebenso wie ihre Teilnahme an den Allianzen. Rumänien und Finnland – die Opfer der sowjetischen Expansion von 1939 und 1940 – wurden in die deutsche Einflusszone als Verbündete gedrängt. Polen war nie dabei. Es hat vom ersten bis zum letzten Tag des Krieges gegen Deutschland gekämpft. Die polnische Exilregierung besaß weiterhin eine große Armee, die praktisch an allen Fronten kämpfte und organisierte eine riesige Widerstandsbewegung im besetzten Land. Die Exilregierung verurteilte auch Verräter, die die Juden denunzierten.

     

    Übrigens, die Tätigkeit der polnischen Exilregierung soll in der Schweiz gut bekannt sein. Die Gesandtschaft Polens in Bern fälschte während des Krieges nicht nur mehrere tausend lateinamerikanische Dokumente, um die Juden zu retten. Sie war auch für die Schweizer Regierung eine der wichtigsten Wissensquellen über den Holocaust. Das Protokoll vom Gespräch zwischen dem Chef der Fremdenpolizei Heinrich Rothmund und dem Stellvertreter des polnischen Diplomaten Stefan Ryniewicz im Jahr 1943 ist wahrscheinlich das erste Dokument, in dem ein westlicher Politiker das Wort „Vernichtungslager“ verwendete. Durch die Weigerung, jüdische Fluchtlinge aufzunehmen, übernahm Rothmund und seine Mitarbeiter (sowie diejenigen, die die Sache verschwiegen) die Verantwortung für das Schicksal von wahrscheinlich mehr Menschen als das im Falle der meisten einzelnen Kollaborateure und Verräter im besetzten Polen war.

     

    Deshalb halte ich den Artikel von Herrn Geissbühler für höchst unglücklich. Wenn sich der Autor auf die Analyse des Landes beschränkt hätte, das er untersuchte, oder genauso detailliert andere Länder analysierte hätte, wäre der Artikel bestimmt viel aufschlussreicher. Stattdessen haben der Autor und die NZZ-Redaktion offensichtlich beschlossen, pauschal das ganze „minderwertige Europa“ mit undifferenzierten Beobachtungen zu beschenken.

     

    Freundliche Grüsse

     

    Jakub Kumoch

    Botschafter der Republik Polen

    in der Schweiz

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